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Maturfeier 2006

 

Festvortrag: Frau Klara Obermüller

 

Verehrte Anwesende, liebe Maturandinnen und Maturanden,

ich weiss nicht, was Sie am heutigen Tag gerne hören möchten. Vielleicht am liebsten gar nichts. Vielleicht möchten Sie einfach nur Ihren Erfolg auskosten, Ihr Zeugnis entgegen nehmen, die eine oder andere Belohnung dazu – und dann nichts wie ab zu einer tollen Fête und anschliessend zum wohlverdienten Nichtstun nach den Wochen der Anstrengung, der Aufregung und der bangen Erwartung. Einfach nur ausspannen, schlafen, ein bisschen ausgehen, ein bisschen rumhängen und an nichts anderes denken als daran, wie schön das Leben sein kann, wenn man es nicht durch Büffeln und Streben ruiniert.
Doch Sie wissen, das Programm sieht eine Rede vor. Die Tradition will es so: Keine Maturafeier ohne Rede. Sie ist die letzte Hürde, die Sie noch von der Entgegennahme der Zeugnisse trennt. Da müssen wir jetzt einfach noch drüber und durch, Sie und ich. Hinterher steht dem Feiern nichts mehr im Wege.
Ganz kurz noch einmal innehalten, bevor das Tor zu Ihrem neuen Leben sich endgültig öffnet, nachdenken darüber, was war und was werden könnte – ich denke, das ist der tiefere Sinn, warum an Maturitätsfeiern Reden gehalten werden. Denn schliesslich stellt die Matura einen Wendepunkt in Ihrem Leben dar, der ziemlich einmalig ist. Sie stehen gewissermassen auf einer Schwelle. Janusköpfig können Sie von hier aus in beide Richtungen schauen: zurück auf die Schulzeit, auf Ihre Kindheit und einen Teil Ihrer Jugend und nach vorn in eine Zukunft, deren Gestalt sich erst in Umrissen, undeutlich und nebulös, am Horizont abzeichnet. Sie nehmen Abschied, nicht nur von der Schule, von geliebten oder weniger geliebten Lehrern und der Geborgenheit Ihres Klassenverbands, sondern auch von einem Teil Ihrer selbst. Was danach kommt, ist neu und weitgehend unbekannt: ein Studium, eine Berufsausbildung, ein Sprachaufenthalt, die Rekrutenschule, eine Weltreise, was weiss ich. Nicht heute, aber vielleicht morgen werden Weichen gestellt, die über den weiteren Verlauf Ihres Lebens entscheiden. Der heutige Tag ist wie ein grosses Tor, von dem unzählige Wege in eine weite, noch unbekannte Landschaft hinausführen. Welchen dieser Wege Sie einschlagen wollen, ist Ihnen, Ihren Neigungen und Fähigkeiten, überlassen. Sie sind frei. Sie können wählen, haben es vielleicht bereits getan und damit ein Stück weit darüber entschieden, wer und was Sie inskünftig sein wollen und sein werden.
Obwohl es bald 50 Jahre her sind, kann ich mich noch gut an den Tag erinnern, als ich, im dunklen Kleid mit weissem Kragen, an der Höheren Töchterschule der Stadt Zürich mein Maturitätszeugnis entgegen nahm. Damals war die Soziologie noch nicht so in Mode wie heute und die Jugend wissenschaftlich noch kaum erforscht. Man nannte uns Mädchen „Backfische“ und unsere Schule den „Affenkasten“. Der Rektor faselte an der Feier etwas von „Eliten“ und „Sich-Würdig-Erweisen“ und liess dabei gänzlich ausser acht, dass einer der Backfische bereits hoch schwanger war und ein anderer sich vor Jahresfrist das Leben genommen hatte. In meiner Klasse studierten vier Medizin, eine Biologie, zwei gingen ans Oberseminar, und der Rest wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Zu diesem Rest gehörte auch ich. Mich hatte das ungeheure Potential an Möglichkeiten, mich hatte die Freiheit, die mir mit der Matur eröffnet wurde, richtiggehend gelähmt. Ich stand da mit meinem Zeugnis voller guter und weniger guter Noten und hatte keine Ahnung, was aus mir werden sollte.
Heute stehe ich gleichsam am andern Ende des Wegs. Wo Ihr voraus schaut, schaue ich zurück und ziehe Bilanz. Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Wie bin ich dahin gekommen, wo ich heute stehe? Und wie bin ich die geworden, die ich heute bin? Wenn ich ehrlich sein will, so genau weiss ich es bis heute nicht. Es war viel Zufall mit im Spiel. Begegnungen mit Menschen spielten eine Rolle, Bücher, die ich las, aber auch äussere Ereignisse, auf die ich keinen Einfluss hatte. Eine zeitlang hatte ich mich nach der Matur einfach treiben lassen. Von Lebens- oder gar Karriereplanung keine Spur. Ich hatte mich zwar an der Uni eingeschrieben. Offiziell studierte ich deutsche und französische Literatur, Geschichte und Kunstgeschichte – aber nicht, weil ich damit ein bestimmtes berufliches Ziel verfolgte, sondern weil mir nichts Besseres einfiel. Was am Ende daraus werden sollte, wusste ich nicht. Obwohl von Natur aus eigentlich recht zielstrebig, hing ich mehrere Semester lang an der Uni einfach rum. Ich besuchte Vorlesungen und Seminare, ich schwänzte Vorlesungen und Seminare und fiel von einer Sinnkrise in die andere. Mehr als einmal war ich drauf und dran, den Bettel hinzuschmeissen, das Studium abzubrechen und etwas zu tun, was mir konkreter und sinnvoller erschien als die Beschäftigung mit Büchern, deren Autoren seit Jahrhunderten tot waren.
Nun, wie Sie wissen, habe ich es dann doch nicht getan. Ich bin bei der Literatur geblieben, und es ist bei aller Ziel- und Ratlosigkeit doch noch etwas aus mir geworden. Durch puren Zufall hörte ich eines Tages, dass man auf der Redaktion der Kulturzeitschrift „du“ eine Volontärin suchte. Ich meldete mich, wurde angenommen und merkte sehr bald, dass sich mir da eine Welt auftat, die mir gefiel. Das Schreiben, die journalistische Arbeit, entsprach mir. Hier konnte ich nicht nur meine Stärken, die sprachliche Begabung, die Freude am Umgang mit Menschen, das Bedürfnis nach Abwechslung und Neuigkeiten einbringen; hier konnte ich auch meine Schwächen, die Ungeduld und eine gewisse Rast- und Ruhelosigkeit, nutzbringend umsetzen. Mit der Lust an der Arbeit stellte sich nach und nach das Gefühl ein, zu mir selbst zu kommen, und das machte mich glücklich. Der Abschluss des Studiums war dann nur noch eine Sache von Fleiss und Beharrlichkeit. Ich wusste jetzt, der Journalismus war meine Welt, und dabei ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.
Ich habe diesen kurzen Exkurs in die eigene Biographie nicht unternommen, um von mir selbst reden zu können. Ich habe Ihnen meinen eher unkonsequenten und jeglicher Karriereplanung zuwider laufenden Werdegang nur geschildert, um Ihnen zu zeigen, dass es nicht immer gezielte Planung und nicht immer der direkteste Weg ist, der schliesslich zum Ziel führt. Und was heisst überhaupt Ziel? Ich bin sicher, es hätte alles auch ganz anders herauskommen können. Hätte ich mich damals, vor bald 50 Jahren, entschieden, statt Literaturiwssenschaften Medizin zu studieren, was eine zeitlang ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, ich stünde jetzt vermutlich nicht hier vor Ihnen. Ich wäre den Menschen nicht begegnet, die mich formten, ich hätte die Erfahrungen nicht gemacht und die Gedanken nicht gedacht, die mich prägten. Ich wäre nicht die, die ich heute bin. Oder doch?
Manchmal denke ich, ich würde einiges anders machen, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte: Jus studieren zum Beispiel oder politische Wissenschaften, in den diplomatischen Dienst gehen, für eine humanitäre Organisation arbeiten oder als Auslandkorrespondentin einer Tageszeitung von den Krisenherden dieser Erde berichten. Aber das sind Gedankenspiele, mehr nicht. Wer ich wäre, wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte, kann ich nicht wissen. Das mag irritierend sein, es hat aber auch etwas Tröstliches an sich. Denn letztlich führt es mich zur Einsicht, dass es gut ist, wie es ist. Es ist mein Leben, und ich bin die, die ich bin.
Deshalb meine ich, dass man sich vor den grossen Entscheidungen nicht zu fürchten braucht. Zugegeben, es kann sich die eine oder andere nachträglich als Fehleinschätzung erweisen, der eingeschlagene Weg in die Sackgasse führen, und es gibt im Leben kein Gummiseil, das uns wie beim Bungy-Jumping vor dem Absturz bewahrt. Die scheinbaren Irrwege können aber auch an Orte führen oder uns Begegnungen bescheren, die wir im nachhinein nicht missen möchten. Wenn das Leben einmal gelebt ist, vermag ohnhin kaum jemand mehr zwischen Zufälligkeit und Zwangsläufigkeit zu unterscheiden. Das Leben ist dann, wie es ist: ein unentwirrbares Gewebe, gewirkt aus Entscheidungen und Unterlassungen, aus Niederlagen und Erfolgen, aus Schönem und Schmerzlichem – und nichts lässt sich mehr daran ändern. Ich hoffe, dass Sie den Mut haben, sich jetzt, wo Ihnen, theoretisch wenigstens, noch alles offensteht, auf das Risiko von Entscheidungen einzulassen, auch wenn es keine Garantie dafür gibt, dass sie richtig sind.
Wenn Sie in letzter Zeit aufmerksam Zeitung gelsen haben, konnten Sie recht viel über sich, d.h. die Jugend von heute, lesen, über Ihre Lebensbedingungen, Ihre Zukuntsaussichten und darüber, wie Sie mir den Herausforderungen des Lebens jenseits von Schule und Universität umgehen. Während noch vor wenigen Jahren von jungen Leuten die Rede war, die angeblich nichts anderes im Kopf hatten, als Spass zu haben und reich zu werden – „Generation Golf“ nannte man sie –, sieht das Bild heute wesentlich düsterer aus. „Prekär“, also misslich, heikel und unsicher, soll die Lage der heutigen Jungen sein, heisst es, und anders als früher trifft das Urteil nicht nur die Schlechtausgebildeten, sondern mehr und mehr auch Hochqualifizierte wie Gymnasiasten und Hochschulabgänger. „Europas Jugend lernt ein neues Lebensgefühl kennen – die Unsicherheit“, schrieb unlängst die „NZZ am Sonntag“, und im „Spiegel“ war zu lesen: „Die Jungen sind die Verlierer der Globalisierung.“ Denn: Gute Ausbildung und hohe Leistung führen nicht mehr automatisch zum Erfolg. Prekäre Arbeitsverhältnisse, wie Dauerpraktika und Anstellungen auf Zeit, werden weit über den Berufseinstieg hinaus allmählich zur Regel. Von der festen Stelle, dem sicheren Arbeitsplatz, der kontingenten Karriere können viele unter den Bedingungen des flexibilisierten Kapitalismus heutzutage nur noch träumen.
Wenn Sie am heutigen Tag deshalb auch etwas bang und vielleicht sogar angstvoll in die Zukunft schauen, braucht das niemanden zu wundern. Am allerwenigsten Sie selbst. Angst zu haben, ist kein Zeichen von Schwäche. Angst kann auch die Folge einer realistischen Einschätzung der Situation sein. Und ich denke, über diesen Realismus – man könnte auch sagen: Pragmatismus – verfügen Sie und werden ihn auch brauchen können. Denn im Gegensatz zu mir und meiner Generation damals treten Sie heute – ich habe es schon angetönt – in eine Welt hinaus, die unberechenbarer, unübersichtlicher und unsicherer geworden ist, als wir uns das je hätten vorstellen können.
Gut, die Zeiten waren Ende der 50er Jahre auch nicht einfach rosig. Hinter uns lagen die Greuel des 2. Weltkriegs und vor uns das, was man das „Gleichgewicht des Schreckens“ nannte. Die Gesellschaft war erstarrt im Würgegriff des Kalten Krieges, und spätestens seit Suezkrise, Ungarnaufstand und Mauerbau wussten wir, dass aus dem kalten ganz leicht ein heisser Krieg werden konnte. Und doch war unser Glaube an Fortschritt und wirtschaftliche Prosperität weitgehend ungebrochen, unser Weltbild eindeutig und klar. Dank dem Blockdenken des Kalten Krieges war es leicht, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Man wusste, woran man war und wo man hingehörte. Das Motto, das meine Generation nach der Matur mit auf den Weg bekam, lautete: Tue, was dir Spass macht, lerne, was dir gefällt, einen Job findest du so oder so.
Von solchen Gewissheiten sind Sie heute meilenweit entfernt. Während der letzten Jahre haben Mauerfall und Wende, Börsenbaisse und Terroranschläge, Umweltkatastrophen und epidemisch sich ausbreitende Krankheiten bei Tier und Mensch unser Weltbild in seinen Grundfesten erschüttert. Nichts ist mehr, wie es war, und ob auch nur etwas so bleiben wird, wie es ist, erscheint zur Zeit mehr als fraglich. Zwar hat uns die fortschreitende Globalisierung ein nie gekanntes Mass an Mobilität, Flexibilität und Vernetzung beschert; dem Tempo aber, das sie vorlegt, sind viele nicht mehr gewachsen. Gewiss, Flexibilität und Mobilität sind spannende Dinge, und die Vorstellung, mehrmals im Leben vielleicht Arbeitsplatz und Arbeitsort, ja unter Umständen sogar den Beruf wechseln zu müssen, mag durchaus etwas Faszinierendes an sich haben. Gleichzeitig ist es aber auch beängstigend, und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob er einmal auf der Sonnen- oder der Schattenseite des Lebens landen wird.
Unter diesen Umständen kann es sicher nur von Vorteil sein, wenn eine Generation auf den Plan tritt, die pragmatisch, unideologisch und nüchtern an die Dinge herangeht und versucht, aus dem Bestehenden das Beste für sich herauszuholen. Nicht im Sinne eines kruden Egoismus, aber im Wissen, dass weise ist, wer zu unterscheiden versteht, zwischen dem, was sich ändern lässt, und dem, was es zu akzeptieren gilt, weil das Leben nun einmal ist, wie es ist. Werte wie Freundschaft, Solidarität und Gemeinsinn sind dabei ein wertvolles Korrektiv. Und wenn Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden, bei aller Nüchternheit und allem Pragmatismus das Träumen nicht verlernen, wenn Sie sich trotz allgemeiner Verunsicherung die Lust am Risiko bewahren und bereit sind, sich auch auf Dinge einzulassen, die, wenngleich nutzlos oder gar verrückt, einfach schön sind –, dann, so denke ich, dürfen auch Sie Ihrer Zukunft trotz allen Widrigkeiten der Zeit mit Zuversicht entgegensehen.
Ihre Schule, so wenigstens erscheint es mir von aussen, hat Sie auf das Leben in Studium und/oder Beruf nicht schlecht vorbereitet. Wenn man dem Leitbild Glauben schenken darf, dann haben Sie gelernt, in komplexen Zusammenhängen zu denken und sich der Geschichtlichkeit der Kultur bewusst zu sein. Wenn man dem Leitbild Glauben schenken darf, dann haben Sie sich darüber hinaus in den letzten Jahren auch zu mündigen Persönlichkeiten, zu „Menschen mit Identität“, entwickelt. Das sind exzellente Voraussetzungen für eine Welt, in der neben schnell veraltendem Wissen mehr und mehr auch sog. „soft skills“ wie Sozialkompetenz, Selbständigkeit und Eigenverantwortung gefordert sind.
Mit Ihrer Ausbildung haben Sie den älteren Generationen viel voraus. Wir wurden noch viel stärker auf Anpassung und Disziplin, auf Paucken und Büffeln, gedrillt als Sie. Selber denken, argumentieren, Lehrmeinungen in Frage stellen, galt nicht viel. Kein Wunder, dass meine Generation dann meinte, die Freiheit mit Pflastersteinen einfordern zu müssen. Sie sind mit einem Übermass an Freiheit und Wahlmöglichkeiten gross geworden und sehnen sich deshalb womöglich
nach Sicherheit. Dass das Leben, wenn es glücken soll, immer ein Balanceakt zwischen beiden Polen ist, werden Sie erst noch lernen müssen.
Wie die Welt in 10, 20 Jahren aussieht, wissen wir alle nicht. Und ebenso wenig lässt sich voraussehen, was aus jedem Einzelnen von Ihnen einmal wird. Aber warten Sie die erste Klassenzusammenkunft ab, und Sie werden staunen, welch eigenartige Kapriolen das Leben manchmal schlägt. In meiner Klasse führt der vermeintliche Stern am Wissenschaftshimmel heute ein unspektakuläres Leben als Pfarrfrau auf dem Lande, und die, mit der man Pferde stehlen konnte, heiratete einen orientalischen Prinzen, der sie umbrachte, als sie ihn nach Jahren verlassen wollte. Die fromme Katholikin hat drei Kinder gross gezogen und wurde unlängst von ihrem Mann einer Jüngeren wegen verlassen. Die begabte Musikerin heiratete einen Witwer mit vier Kindern, während die absolute Schönheit der Klasse als Dozentin an einer afrikanischen Uni tätig und längst geschieden ist. Ich überlasse es Ihrer Phantasie, sich analog zu diesen Beispielen vorzustellen, was Sie inskünftig so alles erwartet.
Doch was immer geschieht und wie immer es kommt, eines wünsche ich Ihnen vor allem andern: dass Sie, auf welchen krummen oder geraden Wegen auch immer, eines Tages dort ankommen, wo Sie sagen können, das bin ich, und was ich tue, passt zu mir. Es macht mir Spass, gibt mir Befriedigung und ist sinnvoll, nicht nur für mich, sondern für ein paar andere mit dazu. Die solide Ausbildung der letzten Jahre und die Zeugnisse, die Sie heute entgegen nehmen dürfen, haben Ihnen den Weg dazu geebnet. Packen Sie’s an!

 
     




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